Kapitel 9, Vers 18-29: Irgendwo im Nirgendwo

Wir hatten zwischen den Spanischvorkurs und den Orientierungstagen zehn Tage frei, was liegt da näher, als reisen zu gehen? Mit einem anderen deutschen Austauschstudenten von hier, Till, entschied ich mich für Paraguay. Paraguay, warum Paraguay? Genau deshalb! Keiner kennt es, jeder lässt es beim Reisen aus und es herrscht nicht viel Tourismus. Genau deshalb! Und soviel nehme ich vorweg: zu unrecht!
Wir fuhren mit einem Nachtbus von Buenos Aires nach Posadas, einer Grenzstadt Argentiniens an Paraguay. Die Reisebusse hier, wo man zwischen Semi-Cama, Cama oder VIP aussuchen kann, bieten schon hohen Komfort, mehr als ich aus Deutschland gewohnt war. Eine 12-stündige Reise kostet aber auch ca. 40€, nicht gerade wenig, v.a. wenn man das mit den Billigflugpreisen in Europa vergleicht.

 

Tag 1:
Wir überquerten die Grenze von Posadas (ARG) nach Encarnación (PAR) mit einem weiteren Bus. Diesen zu finden, war deutlich einfacher als gedacht und dazu noch ziemlich günstig. Wir fuhren also von einem Land in das nächste und die beiden Länder trennte nur eine Brücke. Wir mussten zweimal aus dem Bus aussteigen, um auszureisen und wieder einzureisen. Eine Passkontrolle zwischen zwei Ländern, die nur ein Fluss teilt, war für mich sowas neues. Ich kann mir wirklich nicht vorstellen, wie das vor Schengen in Europa war. An den Grenzen sahen wir sehr viele Motorradfahrer mit großen Koffern, warum wussten wir zu dem Zeitpunkt noch nicht, das Rätsel sollte sich später lösen. Angekommen suchten wir ersteinmal einen Geldautomaten, denn auch an das ständige Geldwechsel kann ich mich nicht so richtig gewöhnen. Wir fragten uns durch – hatten wir ja kein Internet – und so stießen wir schon da auf die große, herzliche Gastfreundschaft Paraguays. Ein Ehepaar nahm uns samt Gepäck im Auto mit und fuhr uns zum nächsten Geldautomaten. Guaraní heißt die Währung und ich glaube ich war noch nie in einem Land, wo der Wechselkurs so hoch war. Für 1€ kriegt man ca. 6500 Guaraní. Aufgrund der Abhebekosten, habe ich erstmal das Maximale abgehoben und war auf einmal Millionär, hat sich schon witzig angefühlt. Wir holten dann unser über rentalcar.com gemietetes Auto ab (das zu finden hat Ewigkeiten gebraucht, es gibt eben kaum Tourismus in Paraguay) und fuhren los. Es war schon ein wenig kompliziert, da unser gemietetes Auto nicht vorhanden war und wir ein anderes bekamen – einen weißen Chevrolet, für mich als Luxuswagen abgespeichert, ist es doch die weitverbreiteste Automarke in Südamerika. Wir fuhren zu den Rouinen „La Santísima Trinidad de Paraná“, eine ehemalige Missionstation von Jesuiten. Beeindruckend, hier war mal eine große Kirche, ein ganzes Dorf in dem Missionare sich um die hilflose Bevölkerung kümmerten. Aber wir merkten auch hier schon früh, dass es einen Stachel gab, der ganz tief sitzt. In den 1860er Jahren gab es einen Krieg (Tripleallianzkrieg), bei dem Uruguay, Argentinien und Brasilien gemeinsam gegen Paraguay kämpften und große Teile des Landes eroberten und zerstörten. Paraguay war einst das größte Land Südamerikas und ist mittlerweile eine Randnotiz, die eigentlich keiner mehr kennt, die den geringsten Tourismus Südamerikas hat. Die einst 40 Dörfer, die Jesuiten aufgebaut hatten, waren einst alle Teil Paraguays und sind mittlerweile großteils in Argentinien und Brasilien. Am Abend fuhren wir soweit es ging weiter, bis wir müde waren und in einem der Dörfer (San Pedro del Paraná) Unterschlupf fanden. Für 120.000 Guaraní konnten wir beide übernachten, auch wenn das Hotel (Santa Rosa) ein wenig heruntergekommen aussah und nur eine kleine Dusche hatte, wo man neben der Toilettestehend ohne Duschvorhang duschte und das Bad flutete. Dennoch war es ein schönes Fleckchen, besonders die Gastfreundlichkeit der älteren Frau war beachtlich und nachahmenswert. So etwas kann man nicht bezahlen. Wenn jeder Mensch auf Erden nur diese Nächstenliebe und Gastfreundlichkeit hätte, die Welt wäre soviel reicher. Sie bestellte uns Pizza, machte uns ein Frühstück mit Brot, - wär hätte es gedacht – Dulce de Leche, Rührei… Wir nahmen aus ihrem kleinen Tante Emma Lädchen noch gekochte Eier und was zu trinken mit. Dann ging es nach einem kurzen Aufenthalt und einer erholsamen Nacht weiter.

 

Tag 2:
Wir fuhren weiter in Richtung Nationalpark Cerro Trés Kandu. Auch ich fuhr nun das erstmal, und wenn man auf den Sandstraßen auch nur maximal 50 km/h fahren konnte, so machte es doch unheimlich Spaß. So fuhren wir über Holzbrücken, welche aus einigen Brettern bestand und man jeden Moment hoffte, dass sie nicht einstürzt. Auch an den Autopistas/Highways/Autobahnen entlang an den Straßen gehen die Schulkinder, Familien etc. Straßenschilder gibt es übrigens kaum, Geschwindigkeitsbeschränkungen ebenfalls nicht, dafür gibt es vor den Ortseingängen und in Schulnähe diese bescheuerten Hügel und Rillen, die einem zum Bremsen bringen sollen, den Autos aber wirklich schaden, manchmal ohne Ankündigung. Wer hier Autofahren lernt, der kann es auch. Doch Autos begegnen wir kaum, dafür umso mehr Motorradfahrern, die von Dorf zu Dorf tuckern. Viele von ihnen tragen Sportkleidung, Fußballtrikots und auch Deutschlandtrikots – lange habe ich mir nichts dabei gedacht – bis mir später klar wurde, dass die vermutlich aus Spendenaktionen kommen, da Paraguay ein bitterarmes Land ist. Unser Navigationssystem war ein Smartphone und mit Googlemaps gesteuert. Eigentlich dachte ich mir, das funktioniere ganz gut, so wie in anderen Ländern, aber da habe ich mich getäuscht. Gerade die modernen und gutausgebauten Straßen sind nicht darin enthalten und auch ansonsten gab es Tücken und soviel vorweg – das liegt nicht am Internet, das hat nämlich fast überall funktioniert – gefühlt besser als in Deutschland und fast durchgehend in LTE. So griffen wir auch auf die natürlichste der natürlichen Methoden zurück und fragten uns durch – bis wir auf das nächste Problem stießen, die Sprache. Wird zwar in den Hauptstädten Spanisch gesprochen, kann das die Bevölkerung auf dem Land kaum. Sie unterhalten sich in Guaraní – der Sprache der Lateinamerikanischen Urbewohner, der Indianer. Das ist nicht irgendein Dialekt, sondern eine komplett eigene Sprache, aber irgendwie konnten wir uns dennoch verständigen, so hilfsbereit und liebevoll die Bevölkerung war. Eine nette Geschichte stellt eine Frau da, die meinte wir sollten unbedingt morgen zurückkommen, dann ist ihre Enkelin auch da. Auf dem Weg zum Nationalpark (das sind einfach von dem Staat geschützte Naturreservoire) sahen wir noch ein Hipodrom – ein Pferderennen. Wir stiegen aus und sahen wie zwei Pferde, mit sehr jungen Reitern (ca. 8 Jahre) gegeneinander antraten. Das war das sonntägliche Highlight, bei dem sich das ganze Dorf versammelt und das jeden Sonntag stattfindet. Sie trafen sich, tranken Tereré (das ist der Matetee nur kalt und iwie ein bissl andere Blätter) oder Bier. Wir fragten die Einheimischen ein bisschen und wurden von allen nur angeschaut und wie Außerirdische gesehen – ein bisschen komisch, aber auch witzig. Wir machten uns auf zum Cerro Trés Kandu, dem höchsten Berg Paraguays. Eigentlich gedachten wir im Auto zu übernachten – doch dann am Fuß des Berges angekommen, wurde uns ein Zelt geliehen und wir begannen bei Dämmerung den Berg zu besteigen. Nachts bin ich bis dahin noch nie auf dem Berg gewesen, es war auch ein wenig abenteuerlich, aber zum Glück hatte ich meine Stirnlampe dabei. Ein paar Phasen war der Berg sogar so steil, dass ein Seil angebracht war zum Aufstieg. Schon eine witzige Angelegenheit. Nach ca. 1,5h hatten wir den höchsten Punkt Paraguays – 842m – erreicht. Es war eine sternenklare Nacht bei Neumond. So einen Himmel habe ich noch nie gesehen und dabei sahen wir noch das, was man im Volksmund Milchstraße nennt. Eines wurde mir auf jeden Fall klar, ich will in Deutschland an der Uni mal einen Kurs über Astronomie belegen. Wir leben in einem Weltall und wissen doch so wenig über es, wir sind so winzig in einem Universum. Sterne die wir am Himmel sehen sind vor mehreren Tausend Jahren bereits erloschen – so unendlich weit ist unser Universum. Es war ein gigantischer Abend, bei dem wir neben Abendessen und Sternschnuppenschauen auch geniale Bilder gemacht hatten – dank Tills Spiegelreflex. Irgendwann wollten wir es uns gemütlich machen und bauten das Zelt auf, allerdings fehlten die Heringe. Aber es gibt keine Probleme, nur Lösungen! So fand ich ein ehemaliges Zelt in dem Haus, das dort stand und benutze das Zeltgestänge als Heringe. Schlafen war dennoch unmöglich, so stark blies der Wind. Es war heftig, zum einen schön und Symbol unendlicher Freiheit, zum anderen kann man nicht Schlafen wenn dir die ganze Zeit die Zeltplane im Gesicht hängt. So einen krassen Wind habe ich noch nie erlebt und dabei war ich schon auf einigen Berggipfeln, ich war schon bei fast 3.000 Metern, aber diesen Wind, nein das habe ich so noch nie erlebt. Nach ca. zwei vergeblichen Stunden des Einschlafens, entschieden wir uns in die Hütte zu ziehen, wo die zwei anderen Zelter auch bereits hingewandert sind. Dennoch konnte ich die ganze Nacht nicht schlafen, denn wir hatten keine Isomatten dabei und schliefen so auf den harten kalten Fliesen. Morgen standen wir frühs auf, um uns den Sonnenaufgang anzuschauen. So trafen wir auch die beiden anderen Zelter, zwei Einheimische, die normalerweise in der Hauptstadt Paraguays wohnten und arbeiteten. Nach gemeinsamen Frühstück, machten wir uns auf den Abstieg, wo wir uns alle gemeinsam verliefen und ohne Smartphone echt ein wenig aufgeschmissen gewesen wären.

 

Tag 3:
Wir nahmen die beiden noch einige Kilometer mit bis nach La Paz (der Frieden), wo wir uns erstmal neue Lebensmittel kauften. Die Straßenregeln in Paraguay kannten wir nicht und unser Motto war, der mit dem schöneren Auto wartet – zur Not wir (war unser Auto fast noch neu 2.000 km vlt.) Hier begegneten wir auch zum ersten Mal wirklich Ampeln, schon ein wenig skurril. Eine Sache wusste ich allerdings bis dahin nicht, eigentlich ist jede Straße Einbahnstraße und so wurde ich zweimal zum Geisterfahrer, bis ich kapierte, dass die Pfeile an den Straßenschildern nicht die Zählrichtung der Nummern, sondern die Fahrrichtung der Autos signalisierte. Mei, wieder was gelernt. Und wir lernten, dass das wichtigste beim Autofahren ist, die Hupe bedienen zu können (wie in Argentinien übrigens auch, dazu an späterer Stelle mal mehr). Gemeinsam machten wir uns weiter in den Nächsten Nationalpark, zum Salto Cristal, einem wunderschönen Wasserfall, der Menschenverlassen war. Komisch, dabei fühlte sich das doch als Sommer an mit über 30°C und wir liefen immer in kurzen Hosen rum. Irgendwie ging es in meinen Kopf nicht wirklich rein, dass Winter ist. Wir mieteten uns wieder ein Zelt für 20.000 Guaraní (ca. 3€/Nacht) und richteten uns ein schönes Plätzchen mitten im Dschungel ein. Traumhafter Ort, Menschenverlassen. Im Sommer sei hier wohl mehr los und manchmal auch an Wochenenden. Aber machen hier v.a. Einheimische Urlaub und manchmal auch Argentinier. Wir gingen die hunderte Meter lange, steile Treppe hinunter zum Wasserfall und genossen die Zeit, im Wasser unter dem Wasserfall stehend. Genial. Am Abend setzten wir uns mit selbstgemischten Cocktails oben an den Wasserfall und genossen Zeit, Ruhe und Ausblick. Genial, ein traumhafter Abend. Mama, du solltest dir vielleicht nicht die Bilder anschauen, wo ich da wirklich gesessen bin 😉 Nach einer schönen Nacht im Dschungel, genossen wir noch weitere Stunden an diesem traumhaften Fleck Erde und gingen Baden, machten Fotos und genossen die Ruhe.

 

Tag 4:

 

Mittags/Spätmittags machten wir uns auf in Richtung Hauptstadt Asunción, doch nicht ohne davor noch ein paar Stündchen am Nahegelegenen See Pause zu machen und baden zu gehen. Niemand ging baden, das hat uns schon sehr gewundert, doch wenn man vlt wüsste, was in dem See alles drinnen ist, hätten wir es vlt auch nicht gemacht. Wir chillten und dösten einige Zeit in dem schönen Sandstrand und malten uns die coolsten Ideen aus, wie man mäßigen Tourismus in Paraguay aufbauen möchten, einige Traumfotos hatten wir schon geschossen. Das Problem dabei: Das coole an dem Land für uns ist auch, dass eben kaum Tourismus existiert. Eine Option ist es dennoch, wenn wir sonst keinen Job finden, der uns Spaß macht. Eine nette Konversation entstand noch, als ein Pärchen mit Hund spazieren vorbei ging. Sie waren Deutsche und ich sagte aus Spaß: „Ach wir sind doch nicht die ersten Touristen hier“, Antwort: „doch, wir wohnen hier“. Als wir gerade losfahren wollten, schlossen wir uns noch ein paar Einheimischen an zu einem Streetbasketballspiel. So sieht Völkerverständigung aus. Nichts eint besser als Sport oder Musik. Am Abend fuhren wir dann nach Asunción – mittleirweile auf Teerstraßen, wo wir von einem engagierten Couchsurfer eine gute Hosteladresse erhalten hatten. Was ich in Montevideo gelernt hatte: In Hostels kann man hier den Preis verhandeln und das machte ich auch sogleich. Von 40.000 pP sind wir auf 120.000 für zwei Nächte und zwei Personen heruntergekommen. Wir hatten ein ganzes Achterzimmer für uns selbst, genial. Auto vor der Tür geparkt, wir hatten zwar ein wenig Schiss, aber alles ging gut. Wir gingen am Abend noch in ein Parrilla-Restaurant, wo wir für 10€ jeder zwei fette, perfekte Steaks erhielten. Genial, so gute Steaks weiß habe ich noch nicht oft gegessen. In diesem Restaurant habe ich mit einem der Kellner dann ein Foto vorm Original FC-Bayern Roque Santa Cruz Trikot gemacht – die einzige Person, die ich davor aus Paraguay mit Namen kannte.

 

Tag 5:
Am Morgen wurden wir von einer überlauten Diskussion von zwei Einheimischen geweckt, die über Sozialismus und Kommunismus gefühlt in unseren Betten stritten. Was ich richtig cool finde, dass hier noch politische Diskussionen stattfinden und das Land nicht verroht. Nach einem schönen Frühstück mit Brot und Dulce de Leche gingen wir in die Stadt, wo wir Santiago trafen, einen Paraguayaner, der mir nach meiner Couchsurfing-Annonce eine Stadtführung anbot. Doch das was dieser Tag bereitstellte, damit hatten wir beide im Leben nicht gerechnet. Das erste was er uns erzählte, war – ja klar – der Krieg gegen Argentinien, Uruguay und Brasilien. Von da an führte er uns in einem Eiltempo – sowohl in Sprache wie auch in Gang – in jeden Winkel dieser Stadt. Die Stadt war geprägt von Passagen, denn bei der sommerlichen Hitze kann man es sonst nicht aushalten. Wir sahen einen Zug, den es hier auch mal gab, mit Schienensystem – aber aus mir unerklärlichen Gründen – eingestellt wurde und alle Schienen zugeteert wurden. Wir gingen in ein Museum der Stadtgeschichte, wo wir lernten, dass die Stadt ursprünglich nicht in dem Blocksystem aufgeteilt war, sondern die Straßen wie bei uns in Europa gewachsen sind. Aufgrund der besseren Verteidigung im Kriegsfall wurde dann auf das „amerikanische System“ der Blöcke übergegangen. Wir sahen einen zerstörten Kongress, neben dem hunderte Protestanten seit Monaten wohnten. Wir sahen das Parlament, hinter dem direkt das Armenviertel beginnt. Wir sahen bunte Viertel, die in liebevoller Kleinarbeit von Einheimischen aufgebaut wurden (dort sahen wir einen schönen Sonnenuntergang), wir sahen außerhalb vom Stadtzentrum ein Einkaufszentrum der Edelklasse – wie es in Europa kaum besser gäbe. Wir sahen den krassen Unterschied zwischen arm und reich, da ist die sogenannte Schere in Deutschland nichts dagegen. Wir mussten ewig zu einer Poststelle fahren, die sehr versteckt war, damit ich für 3-4€ pro Postkarte, Briefmarken erhalten konnte. Ein wirkliches Post und Briefsystem scheint es hier nicht zu geben und nie gegeben zu haben, das kann man sich kaum vorstellen in Deutschland. Santiago nahm sich von 11-01 Uhr, also 14 Stunden Zeit, mit uns die Stadt zu erkunden. Wenn wir solche hilfsbereiten, engagierten, interessierten, wissbegierigen Leute überall hätten, würden wir heute nicht über Flüchtlinge, Zuwanderung und Integration diskutieren. Am Abend gingen wir zusammen in ein anderes Parrilla-Restaurant. All-u-can-eat, ja Fleisch all you can eat (das wäre was für meinen Mitbewohner Flo 😊), es war richtig lecker, doch leider konnte ich irgendwann nicht mehr mehr vertilgen. Und einladen lies sich Santiago auch nicht, es war nicht möglich. Ein Schnelldurchlauf durch Paraguay, durch Paraguays Wirtschaft, durch Paraguays Geschichte. Danke! Wir waren stolz, dass wir in dem Tempo 70% von dem gesagten verstanden hat und dann gab es da noch eine Diskussion zwischen uns ob Spanien oder Frankreich cooler ist, wer welcher Meinung war, verrate ich an dieser Stelle nicht.

 

Tag 6+7:

 

Die Planungen änderten sich täglich, denn wir hatten einige Ideen, wollten zuerst nach Ciudad del Este und den Catarratas am Dreiländereck fahren, war uns das dann zu weit weg, wollten wir das Auto länger mieten, wäre das nur mit enormen Aufpreis möglich gewesen… Als wir die Stadt verließen wurden kurzfirstig Straßen gesperrt, weil ein Feuer mitten in der Kreuzung war, an einem sind wir sogar direkt vorbeigefahren. Unsere Tour ging aber weiter in den nächsten Nationalpark San Rafael– der eigentlich noch keiner ist. Wir fanden über Google die Unterkunft Pro Cosara (http://procosara.org/de/), wo wir für wenig Geld in einer schönen Schweizer Hütte übernachten konnten und eine günstige Vollverpflegung erhielten. Hier möchte ich die Geschichte erzählen, hat sie mich doch sehr bewegt. Das Schweizer Ehepaar, was sich hier in den 1980er Jahren niedergelassen hat, hatte damals ein rießiges Grundstück Regenwald gekauft. Er war Seemann und hat bei einer seiner Seereisen (nach einer gefundenen Anzeige in einer schweizer Zeitung) spontan das Land gekauft. Sie haben sich fernab von aller Zivilisation etwas aufgebaut. Ein Staudamm zur Stromerzeugung, ein Haus… Sie bekamen Kinder und lebten zufrieden und gemütlich. Irgendwann fiel ihnen auf, dass die Regenwaldabholzung so nicht weitergehen kann (hatten sie es erst doch auch gemacht) und engagieren sich jetzt mit der gegründeten Organisation für den Erhalt des Regenwalds. Der ehemalige Seemann (ich glaube Hans) fliegt mit einem kleinen Segelflugzeug täglich über den Regenwald um die Ordungsmäßigkeit zu kontrollieren, Holzdiebe zu stellen oder Mariuanaplantagen zu entdecken – ein beliebtes Geschäft. Gegen das meiste kann man wenig machen und die über 30 Parteien, denen der vom Stadt zum Schutz erklärte Wald gehört, können sich auch nicht einigen. Eine Mühsame Angelegenheit. Dennoch ein schönes Plätzchen, so ein gutes Essen kriegt man auf Reisen nie, ein Stück Regenwald, das man legal und kostenfrei betreten darf, ein Stausee in dem man baden kann und sehr gemütliche Hütten, was will man mehr? Dazu interessante, alternative Lebensideen kennenlernen, finde ich das Leben der schweizer Familie doch beachtlich und cool. Erstaunlicherweise trafen wir hier nur auf andere deutsche Reisende, besonders ein Paar aus Österreich beeindruckte mich und mit denen gab es gute Unterhaltungen, sie sind seit 1,5h Jahren am Reisen in Lateinamerika und des Reisens nicht satt. Sie haben davor einige Jahre gearbeitet, um sich diesen Traum zu verwirklichen. Berichte, Erzählungen und Tipps zum Reisen bekommt man an solchen Orten am Besten. An alle die nach Paraguay fahren: vergesst nicht bei Pro Cosara vorbeizuschauen – ein Teil der Kosten wird auch direkt gespendet für den Erhalt des Regenwalds!

 

Tag 8:

 

Wir machten uns auf den Rückweg nach Encarnación, um das Auto abzugeben. Wir nahmen die beiden Österreicher spontan mit. Ja spontan muss man sein, wenn man reisen will. Sehr spontan und immer einen Plan B in der Tasche haben. Erstens es kommt anders, zweitens als man denkt. Hier kamen wir noch in den Genuss einer Paraguayanischen Autokontrolle, die böse enden hätte können. Durch die bisherigen Polizeikontrollen wurden wir immer durchgewunken, sahen wir doch nicht sehr auffällig aus. Im Allgemeinen war die Polizei nicht sehr engagiert. So standen wir am ersten Tag ohne Licht hinter ihr bei Dämmerung und sie hat uns einfach vorbeigewunken, da wir schneller waren. Geschwindigkeitskontrollen – Fehlanzeige, deshalb ignoriert auch jeder die Schilder und wir waren da sehr anpassungsfähig. Die beiden Österreicher haben uns dann noch eine schier unglaubliche Geschichte erzählt, die ich selbst nicht ganz glauben oder bestätigen kann. Es gibt wohl öfter Polizeikontrollen, aber oft wird nur eine Sache kontrolliert, also Licht, Führerschein, Geschwindigkeit, Alkohol oder oder oder und das spricht sich meist recht schnell rum. Wenn man an einem Lichtkontrolltag ohne Führerschein und alkoholisiert unterwegs ist, ist das wohl egal… Klingt komisch, ist aber wohl so.
Wir kamen dann in Encarnación wieder an und nahmen uns für die letzten zwei Tage ein Hostel. Das mit Abstand verrückteste Hostel, in dem ich je war. Sie schmissen am Abend einfach ne Party – zum dia del amigos – mit Band, günstigen Bier, DJ Anlage. Erst hatte ich so gar keine Lust, aber als ich nach einem kurzen 2h Schlaf dann zum Bandstart rausging, hat mich das Fieber gefangen und so wurde bis morgens getanzt, eine geniale und witzige Nacht 😊 Ich lernte über die Bildung und das Sozialsystem mehr kennen, in dem wir mit Einheimischen sprachen. So erzählte mir eine, dass sie und alle ihre Geschwister Jura studieren, weil es da gute Jobchancen gibt. Dann kam mir ein entscheidender Gedanke: Das Studium dient hier – anders wie in Deutschland – nicht zur Selbstverwirklichung, sondern zum beinharten Geldverdienen. In Deutschland wird immer erwartet, dass man glücklich und zufrieden ist, die Arbeit Spaß macht und man sich engagiert. Hier geht es um gute Bildung und Jobchancen. Und ich lernte ein wenig Guaraní – Mba’eichapa heißt z.B. wie geht’s 😊

 

Tag 9:

 

Nach einem kurzen Schlaf, machte ich mich morgens auf den Weg in die Innenstadt, um günstig shoppen zu gehen. Ist Encarnación doch für Argentinier das Shoppingparadies. Hier jetzt also auch die Auflösung zu den Koffern. Es wird nach Encarnación über die Grenze gefahren, um für die ganze Familie günstig einzukaufen. Ich kaufte mir für 100€ eine günstige Canonkamera – nachdem meine nach der Europareise einen defekt hatte und für insgesamt 70€ ein paar Schuhe, eine Jogginghose, Socken, Unterhosen und eine SD-Karte. Ich konnte also auf spanisch verhandeln, mich total verständigen etc. Danach kam ich mir aber ein wenig schlecht vor, da ich teilweise um 2-3€ gehandelt habe, die mir nicht wehtun, den Arbeitern aber evtl. helfen – wobei wer weiß, vlt stecken das Geld eh nur die reichen Bosse ein. Aber ich habe mich echt schlecht gefühlt, aber viel beim handeln gelernt. So, dass man z.B. leicht verarscht wird (habe ich die Kamera auf 100US-Dollar verhandelt und die dann einen überirdischen Wechselkurs angenommen, die dir Fälschungen als Markenware verkaufen wollen), als Gringo man nochmal mehr abgezockt wird, manchmal echt viel Spielraum ist und man nie sagen sollte, wie viel das in deinem Land kostet – auch nicht nach dem Kauf.
Den weitern Tag verbrachten wir an der einzigen Sehenswürdigkeit der Stadt, dem Strand, der ist wunderschön, doch ansonsten hat die drittgrößte Stadt Paraguays absolut nichts zu bieten. Wir genossen den Strand. Direkt nebenan war eine Feuerwehraufführung (https://www.youtube.com/watch?v=BhEguO0lycg), wie ein Tag der offenen Tür. Ich ging hin, begann mit den Leuten zu sprechen, wollte mir die Fahrzeuge anschauen und ein Foto in den Klamotten machen. Nach anfänglichen Smalltalk-Austausch wurde ich sofort von einer Kamera aufgenommen – k.A. ob das Intern oder Extern ist – und habe ein Interview auf Spanisch zu den Unterschieden der Feuerwehr gegeben ^^, wäre witzig das mal zu sehen. Mir wurden alle Autos gezeigt und wir redeten über Einsätze. Am meisten Einsätze gibt es dort auch bei Unfällen und nur wenig Brände. Dazu gibt es kein Hydrantensystem, wie wir es in Deutschlandkennen und somit müssen die mit immensen Wassertanks immer überall hinfahren. Die Ausrüstung ist zusammengestöpselt aus ehemaliger Ausrüstung aus Chile, England, Japan, Korea, England, Deutschland… So haben sie in einem Auto verschiedene Schlauchsysteme (mit Kupplungen), verschiedene Stromkabel mit verschiedenen Leistungen und Steckern und Geräte, die man in Deutschland nichtmal ohne Strom anlangen sollte. So gibt es Autos mit Rotlicht, mit Blaulicht. Es gibt aber auch eine Drehleiter und alles was dazugehört. Sie arbeiten alle ehrenamtlich und haben 80 ehrenamtliche Helfer. Was mir als Unterschied aufgefallen ist – die Frauenquote in Paraguay liegt deutlich deutlich höher als ich es in Deutschland kenne. Wenn wir über die weitere Entwicklung und Personalengpässe in Deutschland reden, liegt das nicht an zuwenig Interessenten und Engagierten, sondern an zu wenig Frauen, die im Durchschnitt eine kürze Arbeitsdistanz und -dauer haben. Es waren auf jeden Fall sehr sehr erfahrungsreiche und coole Gespräche, nur dass ich schon alle gelernten Vokabeln wieder vergessen habe *shameOnMe*

 

Tag 10: Rückreise

 

Ich brach recht früh auf, wollte ich doch noch in dem Dorf Puerto Rica in Argentinien die Caro aus Wolfratshausen besuchen, die dort in einem Kinderdorf ein Jahr einen Freiwilligendienst absolvierte. Meine Zeitplanung ist nicht die Beste, aber wenn man dann noch vergisst, dass beim über die Brücke fahren man noch eine Stunde verliert (Zeitverschiebung), dann wird das nicht gerade besser 😊 Zudem standen wir ewig im Stau, mindestens eine Stunde, da die Einreise nach Argentinien deutlich strenger ist als andersrum. Als Deutscher hat man aber überall einen fetten Bonus und wird weniger kontrolliert – noch dazu wenn die Verständigung schwer ist. Wo wurde ich beim Grenzeintritt in Argentinien nur gefragt, ob im Rucksack Klamotten sind, was ich mit Ja beantwortete. Was und wie viel ich kaufte, musste ich somit gar nicht erst beantworten. Was man übrigens in Paraguay nicht vergessen darf, ist sich einen Einreisestempel zu holen, kann man doch auch ohne Stempel einreisen, was dann aber in dem Land ziemliche Probleme bereiten könnte, genauso mit dem Ausreisestempel. So fuhr ich also von Posadas noch 2h nach Puerto Rico für 100$ (5€). Dort besuchte ich die Caro, die mich am Bahnhof abholte. Das Ganze ist eine witzige Geschichte, denn wirklich gekannt haben wir uns davor nicht, sondern ich habe nur über die Sternsingeraktion erfahren, dass eine aus Wolfratshausen gerade Freiwilligendienst in Argentinien macht. Es war aber wirklich cool. Auch nicht ganz abwegig war, dass ich sofort für ihren Freund gehalten wurde. Aber die Kinder bzw. die Kultur ist da so naiv und da ist es üblich, dass direkt die zweite Frage ist: „tenes novia“ –„ Hast du eine Freundin?“ Sie zeigte mir das Dorf, das ganz anders war, als erwartet, auch mitten in der Stadt – nicht abgeschieden, die Kinder gehen normal im Dorf zur Schule, wohnen in Hausgemeinschaften, schon ein normaler Alltag, wie jeder andere Schüler auch. Das vergisst man immer und das obwohl ich ein Jahr schon einen Freiwilligendienst gemacht hatte. Es waren auch Caros letzte Stunden und mit ihr ging auch ich. Im Kinderdorf lernte ich aber noch andere deutsche Freiwillige kennen – unteranderem Noah, von dem ich noch mehr erzählen werde.
Danach ging es in einem Nachtbus zurück nach Buenos Aires, wo wir dreimal in Polizeikontrollen kamen und Rucksack wie Ausweis vorzeigen mussten. Wiedereinmal wurde bei mir als Deutschen weniger genau kontrolliert. Eine schöne Reise ging zu Ende, aus einem Land das niemand kennt, und jeder der dort war, nicht versteht warum.

 

Funfacts zum Schluss:

 

-          Es war Winter fühlte sich wie Sommer an, nur ging die Sonne schon um 17.30 Uhr unterging, was verdammt komisch war

 

-          der Mond nimmt auf der Südhalbkugel anders zu und ab (ok vlt bin ich da auch nur ungebildet)

 

-          In den Supermärkten kann man sich das Mehl, Müsli, Zucker selbst abfüllen aus großen Eimern (rückständig oder fortschrittlich?!)

 

-          Früchte und Fruchtsäfte sind sehr sehr günstig (0,30€/Kilo Bananen, 1€ für einen frischgepressten Orangensaft)

 

-          Wer auf den Isles of Scilly an Slowmotion dachte, war noch nicht in Paraguay

 

-          Humor haben sie: eine Stadt wurde als Ciudad metropoliana y industrial bezeichnet, vlt. hatten sie ja stromanschluss ^^

 

-          In den Städten wurde überall Glasfaser gelegt (da gab es davor vermutlich keine andren Leitungen) und sind somit weiter als Deutschland

 

-          Sie haben aber gleichzeitig nicht die Stromkabel unterirdisch verlegt, diese hängen überall in der Luft herum

 

-          Man hat fast überall LTE Mobiles Internet und es gibt nur Mobilnummern, womit man jede Nummer auf Whatsapp erreichen kann

 

-          Es kann nach einer Teerstraße ohne Vorwarnung plötzlich eine rote Sandstraße kommen

 

-          Sie haben die Industrialisierung übersprungen und gleich zur Globalisierung übergegangen, Post gibt und gab es hier nie wirklich

 

-          Es gibt kaum Jahreszeiten – eig nur Trocken und Regenzeit

 

-          Ich konnte meine Guaraní einfach beim Busfahrer in Pesos umtauschen, zu guten Konditionen

 

-          Es gibt viele Kühe und Landwirtschaft. Allerdings macht der viele und lukrative Soja die Böden kaputt (liebe Vegetarier, hier mal bitte nachdenken, Probleme lösen in dem man andere schafft)

 

-          Buspreise in der Stadt hängen davon ab, ob der Bus Klimaanlage hat oder nicht

 

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